Bei MoBiel passiert derzeit etwas, was in vielen gesellschaftlichen Bereichen passiert: Die Digitalisierung schreitet zügig voran, auch v…
Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, verehrte Kollegen, liebe Gäste,
bei MoBiel passiert derzeit etwas, was in vielen gesellschaftlichen Bereichen passiert: Die Digitalisierung schreitet zügig voran, auch vorangetrieben von vielen Leuten in verantwortlicher Position, die oft selbst Angehörige einer Altersgruppe sind, die es gewohnt ist, tagtäglich mit digitalen Mitteln zu leben und zu arbeiten.
Das, liebe Kollegen, trifft aber eben längst nicht auf alle Teile unserer Bevölkerung zu. Und wir reden hier, wie auch die Reaktionen aus der Stadtgesellschaft auf die Veränderungen bei MoBiel in den letzten Monaten deutlich gemacht haben, nicht über ein paar wenige Menschen, die irgendwie „zum alten Eisen gehören“ oder ähnliches. Wir haben gleich noch den Demografie-Antrag zur Beratung auf der Tagesordnung, und eine der wesentlichsten und prominentesten demografischen Erkenntnisse ist: Unsere Gesellschaft wird immer älter. Es gibt mehr Senioren als früher, und damit auch eine Altersgruppe, die eben noch nicht so „durchdigitalisiert“ ist wie jene, die wischend und scrollend in Bus und Bahn sitzen. Und Senioren sind hier sicherlich nicht die einzigen, die sich von derlei Änderungen überrumpelt fühlen.
Für viele Menschen gehen solche Umstellungen mit faktischen Belastungen, Stress und Nervereien einher, und sie mindern die Attraktivität des ÖPNV noch weiter als das in manchen Bereichen, etwa in sozialen Brennpunkten, sowieso schon der Fall ist. In Zeiten, in denen Sie doch eigentlich Menschen motivieren wollen, auf ökologischere Verkehrsmittel umzusteigen, ist das nun wirklich kein Akt der Klugheit. Man kann und darf nicht wie selbstverständlich voraussetzen, dass alle Menschen über ein digitales Endgerät (welcher Art auch immer) verfügen oder verfügen WOLLEN. Manche möchten es auch schlicht und einfach nicht. Werden diejenigen nun durch die Institutionen von Staat und Kommune nun gar nicht mehr adressiert? Gehören sie nicht mehr dazu?
MoBiel hat leider immer wieder so eine unschöne Tendenz dahingehend entwickelt, diesen Teil der Gesellschaft quasi auszublenden. Beispielsweise auch bei Ansagen von Verspätungen oder Fahrtausfällen – oder genauer gesagt: Dem Fehlen dessen. Allen Ernstes wurde etwa in der Zeit der vielen krankheitsbedingten Fahrtausfälle dann die Durchsage an den Haltestellen eingestellt, mit Verweis darauf, dass das ja alles „in der App“ gemeldet würde.
Als wenn jeder Fahrgast diese App bzw. überhaupt ein Smartphone nutzen würde! Und das, obwohl so eine Durchsage nur wenige Sekunden Arbeitsaufwand bedeutet. Für uns sind solche Entscheidungen überhaupt nicht nachvollziehbar und unverständlich, und es stimmt uns im Übrigen auch etwas misstrauisch, dass all das jetzt gerade in den Monaten rund um die Kommunalwahl durchgezogen wurde, in denen die Kommunalpolitik immer etwas paralysiert und wenig handlungsfähig ist – also eine Zeit, in der keine großen politischen Initiativen zu erwarten sind. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!
Wir werden uns jedoch von diesem Timing nicht politisch unter Druck setzen lassen. Daher fordern wir mit unserem Antrag nun, die bewährte Möglichkeit der Stempeltickets mit Entwerterfeld wieder einzuführen. Das steht – das sage ich an dieser Stelle nochmal ganz deutlich dazu – digitalen Möglichkeiten selbstverständlich nicht entgegen, und wir sagen in unserem Antrag ja auch ganz ausdrücklich, dass diese logischerweise eine zusätzliche Option bleiben sollen. Hier soll also nichts Digitales zurückgefahren oder in irgendeiner Form „die Zeit zurückgedreht werden“ oder ähnliches. Es geht ausschließlich darum, die Wahlmöglichkeiten zu erhalten und auch jenen Menschen in unserer Stadt, die sich dem digitalen Druck verweigern, eine Teilnahme am ÖPNV zu ermöglichen.
Vielen Dank.