Seidensticker-Campus: Symboldebatte statt Sachlichkeit? Erinnerungskultur und Differenzierung statt Cancel Culture!
Die Diskussion um die Bezeichnung „Seidensticker-Campus“ für das neue Gymnasium in Bielefeld hat sich innerhalb weniger Tage von einer historischen Einordnungsfrage zu einer geschichtspolitischen Grundsatzdebatte entwickelt. Dabei ist der Sachstand klarer, als es die öffentliche Zuspitzung vermuten lässt.
Walter Seidensticker war NSDAP-Mitglied, das Unternehmen wurde im „Dritten Reich“ als „Musterbetrieb“ ausgezeichnet. Diese Fakten sind dokumentiert. Zugleich wurde die Unternehmensgeschichte in den vergangenen Jahren reichhaltig wissenschaftlich aufgearbeitet; ein unabhängiger Historiker wurde 2019 beauftragt; das Stadtarchiv prüft die Ergebnisse.
Gerade deshalb irritiert die emotionale Dynamik der gegenwärtigen Diskussion. Statt differenzierter Einordnung tritt eine moralisch aufgeladene Verkürzung in die Debatte – wie so häufig. Historische Ambivalenz wird nicht erklärt, sondern politisch zugespitzt. Aus einem nüchternen wissenschaftlichen Prüfprozess wird ein öffentlicher Schlagabtausch, befeuert durch moralinsaure Tugendwächter aus der üblichen Ecke des politischen Spektrums.
Erinnerungskultur verlangt Maßstab und Konsistenz. Wer namentliche Bezüge im öffentlichen Raum grundsätzlich unter Generalverdacht stellt, verengt die Perspektive – auf Personen und auf Familien. Geschichte und auch Familienbiografien sind selten eindeutig. Sie bestehen aus Brüchen, Belastungen und Entwicklungen, aber auch aus Aufarbeitung – und aus der Aufgabe, diese transparent zu machen.
Dr. Florian Sander, Vorsitzender der AfD-Ratsfraktion, erklärt dazu: "Eine Schule ist ein Ort der Bildung. Sie sollte kein Schauplatz reflexhafter Neuverhandlungen sein, sondern Raum für historisches Lernen bieten. Aufarbeitung heißt Differenzierung. Wer komplexe Zusammenhänge auf Schlagworte reduziert, ersetzt Analyse durch politische Symbolik und moralische Selbstvergewisserung."